Die fünfzehnjährige Amber ahnt nicht, dass die Begegnung mit dem geheimnisvollen Alec ihr Leben für immer verändern wird. Er trägt das Meer in sich – und diese Anziehungskraft ist stärker als jede Vernunft.
Auf der sonnenverbrannten Insel Aberness, wo die Stille zwischen den Menschen schwerer wiegt als die Hitze, erwacht in Amber etwas, das sie nicht benennen kann. Eine Anziehung. Eine Ahnung. Ein Versprechen, das niemand ausgesprochen hat. Doch dann ist Alec fort – als hätte die See ihn zurückgerufen – und niemand will darüber sprechen.
Was bleibt, sind Fragen. Und Spuren. Spuren, die Amber in das dunkle Herz ihrer Familiengeschichte führen, zu Legenden über Selkies und Moorhexen. Und zu einer Zukunft, die längst beschlossen war – bevor Amber auch nur eine Wahl hatte.
AMBER KNIFF DIE AUGEN zusammen und verfolgte, wie der Eindringling auf sie zuschlenderte. Erst dachte sie, dass ihn ein Schimmern umgab, das jedoch verschwand, als sie blinzelte. Wie ein Zeitungsjunge sah er nicht aus, ebenso wenig wie einer der Boten, die Lebensmittel an die Hintertür lieferten. Kurz beschlich Amber ein mulmiges Gefühl. »Hallo. Ich bin Alec«, stellte er sich mit einem Grinsen vor. »Wie bist du am Wachhäuschen und vor allem an Gero vorbeigekommen?«, fragte Amber neugierig, anstatt ihm ihren Namen zu nennen. »Du meinst den alten Mann, der eine Zeitung als Kopfkissen benutzt und so laut schnarcht, dass die Wände der Hütte wackeln?«, fragte er. Amber konnte nicht verhindern, ihm direkt in seine azurblauen Augen zu schauen. Sie wurden größtenteils durch dunkle Haarsträhnen verdeckt und wirkten je nach Lichteinfall etwas heller oder dunkler. »Gero hält hin und wieder ein Nickerchen. Heiß genug ist es ja«, riss sie sich von seinem zugegebenermaßen hübschen Gesicht los und blickte in Richtung der Einfahrt. »Ja. Das Wetter ist auch nicht mehr das, was es einmal war«, sagte Alec mit einem Schulterzucken. Offenbar spielte er auf die Hitzewelle an, die die Insel seit Wochen fest im Griff hielt. Amber nickte und musterte unauffällig sein Profil, auf der Suche nach einem Hinweis, dass er sich über sie lustig machte. Dass dieser Typ so gelassen wirkte, während sie sich von der Situation völlig überrumpelt fühlte, irritierte sie. Sie dachte ernsthaft darüber nach, an ihm vorbeizurennen und Gero zu wecken. Aber etwas hielt Amber zurück, und dieses Etwas gründete nicht nur in seinem passablen Aussehen. Nein, es war mehr als das. Es war etwas seltsam Vertrautes. Ein aufkommender Windstoß trug den salzigen Geruch des Meeres mit sich. Eigentlich hätte Amber den Geruch nicht derart intensiv registriert. In letzter Zeit hatte sie jedoch das Gefühl, viele Gerüche intensiver wahrzunehmen. Unwillkürlich schnupperte sie und erkannte, dass der Duft des Meeres von ihrem Gegenüber ausging. »Aber du weißt schon: Privatbesitz und so?«, versuchte Amber, ihn aus der Reserve zu locken. »Hier wohnt der Gouverneur. Bist du seine Tochter?«, fragte Alec. »Ja und nein. Ich bin … die Enkelin … der Haushälterin.« Die Erwähnung ihres Vaters war ihr unangenehm. Außerdem ging es ihn nichts an, wer sie war. Alecs blaue Augen fixierten sie, als hätte er ihre Lüge durchschaut. »An deiner Stelle würde ich mich nicht auf fremdem Besitz herumtreiben. Die Leute hier sehen in allem und jedem einen Einbrecher.« »Wenn du es sagst. Ich muss jetzt auch los. War nett mit dir …?«, entgegnete Alec und zwinkerte ihr zu. Sie wollte sich abwenden und den frechen Kerl links liegen lassen, aber Alec kam ihr erneut zuvor. Er ging, ohne ihre Antwort abzuwarten. »Ich bin Amber. Solltest du wieder mal zufällig in der Gegend sein, schau ruhig vorbei!«, rief sie ihm hinterher. Ihr letzter Satz war sarkastisch gemeint, doch der Typ schien gegenüber den allgemeingültigen Anstandsregeln und gegenüber Zynismus immun zu sein. »Wir sehen uns«, rief er ihr über die Schulter hinweg zu. Mit offenem Mund starrte Amber ihm nach. Das unerwartete Aufeinandertreffen mit diesem merkwürdigen Jungen hatte sie vom Streit mit ihrem Vater abgelenkt. Vielleicht lag es aber auch an der Hitze dieses Sommertages, dass ihr Groll verflogen war. Amber tippte auf Letzteres, denn Gero schlief noch immer, den Kopf auf die Zeitung und das Schaltpult gebettet, im Wachhäuschen – neben dem offenen Tor.
Obwohl Sabrina nur zwei Straßen weiter wohnte, machten Amber die hohen Temperaturen zu schaffen. Sie trug noch immer die Jeans vom Morgen, die sich an ihren zierlichen Körper schmiegte, und das Shirt, das denselben satten Farbton besaß wie ihre braunen Augen. Amber griff nach ihren Haaren und band sich einen Zopf, der aber kaum Erleichterung brachte. Glücklicherweise war das Anwesen ihrer Freundin in Sicht. Amber beschleunigte ihre Schritte. »Komm schnell rein, die Hitze ist unerträglich«, stöhnte Sabrina anstelle einer Begrüßung. Sie schob Amber vor sich her in die Eingangshalle. Die gut funktionierende Klimaanlage hielt den Raum auf angenehmer Temperatur. In Ambers Zuhause wurden im Foyer nur die Gäste ihres Vaters empfangen. Die Familie Mackay nutzte den großzügig geschnittenen Raum jedoch zusätzlich als Wohnzimmer. »Chloe, bringst du uns bitte kalte Limonade?«, rief Sabrina in Richtung der angrenzenden Küche, folgte Ambers Beispiel und ließ sich ihr gegenüber in einen Sessel fallen. Ihre flachsblonden Locken brachten Sabrinas gebräunte Haut zur Geltung. Bei Amber, die trotz ihrer dunklen Haare ein heller Hauttyp war, wirkte sich ein Sonnenbad weit weniger vorteilhaft aus. Ihre Hautfarbe erinnerte eher an eine überreife Tomate. »Das Wetter macht mich fertig«, schimpfte Amber und angelte sich eine Handvoll Weintrauben aus der Schale, die vor ihr auf dem Glastisch stand. »Also, wie sieht es aus? Meine Eltern lassen mich nur bis 23:00 Uhr in die Stadt. Meinten, wir wären verrückt, abends überhaupt das Viertel verlassen zu wollen«, wechselte Sabrina das Thema und verschränkte wütend die Arme vor der Brust. »Weißt du, ich würde wirklich gern. Aber mein Vater …« »Jetzt sag bitte nicht das, was ich denke«, flehte Sabrina. »Tut mir leid. Keine Chance, er lässt mich nicht mal bis 23:00 Uhr weg.« »Na fantastisch. Der Kinoabend fällt also flach«, schmollte Sabrina. Sie machte eine Geste, als wollte sie sich die Haare raufen. Im letzten Moment überlegte sie es sich anders und griff stattdessen nach der Fernbedienung auf dem Tisch. Mit manikürtem Zeigefinger deutete sie auf den Plasmabildschirm. »Die versauen einem echt die kompletten Ferien!«, schimpfte Sabsi, wie sie von ihren Freunden genannt wurde. Amber spürte Ärger in sich aufsteigen; allerdings nicht auf ihren Vater. Ihre beste Freundin fehlte auf keiner Wochenendparty, während Amber die Abende in der Gesellschaft ihrer Großmutter verbrachte. Sabrina darauf hinzuweisen, würde jedoch nur deren Mitleid heraufbeschwören, das ungefähr für einen Wimpernschlag anhielt. Amber richtete ihre Aufmerksamkeit auf die Nachrichten, die sich zurzeit nur mit einem Thema beschäftigten. »Es kam erneut zu Einbrüchen«, erklang die sonore Stimme des Sprechers, während alarmierende Bilder eingeblendet wurden. Zerstörtes Inventar und eingeschlagene Schaufensterscheibe eines Gourmet-Geschäfts. Offenbar gelang es der Polizei nicht, die Einbruchserie zu stoppen. Es war erschreckend, welche Auswirkungen der Streik mit sich brachte. Amber starrte auf den Bildschirm. Sie kannte solche Szenen inzwischen zur Genüge. Dennoch beschlich sie ein ungutes Gefühl, als ihr Alec einfiel. »Dein Vater ist der Gouverneur der Insel. Aber mal ernsthaft: Soweit ich weiß, wurden alle bisherigen Einbrüche weit nach Mitternacht verübt und ich für meinen Teil wäre glücklich, wenigstens bis 23:00 Uhr raus zu dürfen …« Amber hatte mit dem Gedanken gespielt, Sabrina von Alec zu erzählen, und entschied sich dagegen. »… Der Stadtrat sollte wirklich langsam eine Entscheidung treffen, bevor hier alles den Bach runtergeht. Also, ich werde für deinen Vater stimmen. Jeden Hinz und Kunz über die Insel latschen zu lassen, wäre falsch. Schau dir bloß mal das Gesindel an, das sich unten am Hafen herumtreibt. Ungeziefer zieht Ungeziefer an, sagt mein Dad«, beschwerte sich Sabrina und schaltete empört den Fernseher aus. Amber biss sich auf die Unterlippe. Normalerweise vermieden sie es, über ihren Vater zu sprechen. Dass ihre Freundin dieses Mal eine Ausnahme machte, war in Anbetracht der Unruhen verständlich. Zudem standen die Wahlen des neuen Gouverneurs an, der nicht nur die Stadt, sondern den ganzen Inselstaat für weitere sechzehn Jahre regieren würde. Was die allgemein angespannte Situation nicht gerade entschärfte. »Wir könnten in die 20-Uhr-Vorstellung gehen und den Bus nehmen. Dann merkt er nicht, dass ich weg gewesen bin«, schlug Amber zögerlich vor. »Das ist die Lösung! Aber lassen wir das mit dem Bus. Lewis schuldet mir noch einen Gefallen«, flüsterte ihre Freundin. Sie deutete in Richtung des Hausmädchens, das gerade hereinkam. Chloe stellte zwei Gläser Limonade auf dem Tisch ab und verließ den Raum. »Um welchen Gefallen geht es denn genau?«, fragte Amber neugierig. »Ich habe zwischen den beiden vermittelt, sozusagen. Im Grunde war es lächerlich einfach. Ich habe Lewis gegenüber erwähnt, dass Chloe an den Wochenenden ins Farraige-Inn geht. Der Pub liegt irgendwo im Arbeiterviertel. Na egal. Jedenfalls ließ ich Chloe gegenüber fallen, dass er auf sie steht. Und eh ich mich versah, waren die beiden zusammen«, erklärte Sabrina selbstgefällig und spitzte die Lippen in Andeutung eines Kusses. Mit ihrer Freundin war an diesem Tag nichts Ernsthaft anzufangen, deshalb verabschiedete sich Amber bereits nach kurzer Zeit.
Ihre Abwesenheit war von niemandem bemerkt worden. Amber war bereits auf dem Weg in ihr Zimmer, als sie den Besucher bemerkte. In Gedanken vertieft, lief sie ihm in der Eingangshalle unglücklicherweise direkt in die Arme. Sie wollte an ihm vorbeischlüpfen, als Oberst Rohloff einen Schritt seitwärts trat und ihr den Weg versperrte. »Charles telefoniert gerade. Hast du nicht in Kürze Geburtstag? Gregor erwähnte etwas in diese Richtung.« »Das stimmt. Wie geht es ihm?«, entgegnete Amber lahm. Sie mochte den alten Freund ihres Vaters nicht sonderlich und lauschte auf etwaige Geräusche, die darauf hindeuteten, dass ihr Vater sein Gespräch beendet hatte. Aus der Richtung des Büros kam jedoch kein Laut. »Ich soll dir von meinem Sohn ausrichten, dass er demnächst vorbeikommt«, entgegnete Rohloff. »Er weiß ja, wo er mich finden kann«, sagte Amber, um einen lockeren Tonfall bemüht. »Du wirst sechzehn, nicht wahr? Volljährigkeit geht immer mit Veränderungen einher. Solltest du einmal Hilfe benötigen: Für die Bewohner dieser Insel habe ich immer ein offenes Ohr.« »Es ist ja nicht so, als ob ich keine Familie hätte. Was mich daran erinnert, dass ich meine Großmutter vom Bus abholen muss. Entschuldigen Sie mich«, sagte Amber schnell. »Natürlich. Ich sollte deinen Vater wissen lassen, dass ich da bin«, sagte Rohloff und trat einen Schritt zur Seite. Amber flüchtete vor seinem stechenden Blick die Treppe hinauf. Sie hatte erwartet, dass er sie über die Arbeit ihres Vaters aushorchen würde, doch Gregors Vater hatte sich ausschließlich nach ihrem Wohlergehen erkundigt. Er hatte ihr das Gefühl gegeben, als würde ihr am Tag ihres Geburtstags weitaus mehr als nur die Volljährigkeit bevorstehen.